Archiv für den Tag: 26. Februar 2020

»Andrea s’è perso …«

Dem fahlen Himmel haben die Berge die Farbe ausgeschlürft, an ihren Steilwänden läuft sie hinunter und versickert in den Falten. Blau sind sie jetzt, so blau wie damals das Cover der Platte “Blu” von Fabrizio de Andre. Im Autoradio ein Feature zu seinem Geburtstag. 80 Jahre alt wäre er geworden, wenn ihn der Tod nicht schon vor 20 Jahren geholt hätte. Einer, der aus wohlhabender Familie stammend, es sich leisten konnte, für die am Rand zu singen, sagt die Sprecherin.
Einer, der immer ganz nah an den den Abgrund heranging und über den Rand schaute, zu den Verlorenen und Abgestürzten, der seine Poesie entgegenstellte dem hoffnungslosen Leid und zärtliche Lieder als Geschenke für die Huren in den Schlamm der Straßen fallen ließ, sage ich.
Aber was wissen wir schon … er hat Lieder gemacht, um zu überleben, auch über die Zeit der Gefangenschaft in den sizilianischen Bergen, er hat viel getrunken, um zu überleben und immer wieder kommen Rosen vor in seinen Texten als Geschenk für die, denen niemand mehr was schenkt.

Früher, in dieser Zeit, die man dann später als “Jugend” bezeichnet, da hörten wir seine Lieder, deren Texte wir nicht verstanden, wir liebten seine schöne Stimme und ließen uns tragen von den Klängen, durch die Liebe waren wir leicht geworden, eine Zeitlang …
Wir waren jung, der Geliebte und ich und wir hatten es mit der Liebe zu tun, sie duftete nach Rasierwasser, Küsse schmeckten nach Wrigley , unsere Lippen waren weich, die Haut zitterte unter den aufgeregten Händen … für immer und ewig sollte er weitergehn, der Tanz ins Glück.

La canzone dell’amore perduto

Erinnere dich, die Veilchen erblühten
bei unseren Worten:
“Wir werden uns nie verlassen, nie und nimmer”.

Vorrei dirti ora le stesse cose
ma come fan presto amore
ad appassir le rose
così per noi

Die Liebe, die die Haare rauft,
Ist nun verloren,
Nichts bleibt außer ein wenig lustlosem Streicheln
Und etwas Zärtlichkeit.

Ma sarà la prima
che incontri per strada
che tu coprirai d’oro
per un bacio mai dato
per un amore nuovo

Viel später sagte der ehemals Geliebte: Du warst die erste, wirklich große Liebe in meinem Leben. Der Kuß war zu schwer von Verrat und sank zwischen unseren Mündern zu Boden.

Wie lange das alles schon vorbei ist, viele Jahre konnte ich die Lieder von damals  nicht mehr hören, jetzt ist der Schmerz blaß geworden wie der heutige Himmel, eine kleine Wehmut ist geblieben, und als ich das Lied “Andrea” höre, da kriechen nochmal die Bilder von damals aus ihren Verstecken und lassen mich die Narben spüren … Es handelt von einem, der sich verlaufen hat und nicht mehr zurückfindet … ja, ich weiß, wie das ist. Ich weiß, wie man verlorengehen kann, immer und überall und in Menschen, in ihren Augen und Worten und in meinen eigenen Gefühlen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn eine Geschichte auserzählt ist und das pochende Herz das nicht glauben will. Die Liebe läßt sich nicht halten, weder beim Kommen, noch beim Gehen. Sie bietet keinerlei Sicherheit und schützt nicht vor Verrat. Sie kümmert sich weder um das, was ihr vorauseilt, noch was sie hinter sich herzieht. Das einzige, was die Liebe tut, ist lieben.

Andrea s’è perso
S’è perso
E non sa tornare
Andrea aveva
Un amore
Riccioli neri
Andrea aveva
Un dolore
Riccioli neri …

Andrea hat sich verlaufen und findet nicht mehr zurück. Er hat sich in einer schwarzgelockten Liebe verloren und jetzt in einem schwarzgelockten Schmerz … auf dem Papier steht, er wäre fürs Vaterland gefallen … abgeknallt haben sie ihn, in den Trentiner Bergen …

Dieses Lied war damals ein großer Hit in Deutschland, wahrscheinlich, weil alle dachten, es sei einer der üblichen SommerSonneStrandSchmachtfetzen … in den Eisdielen rauf und runtergespielt, wer kümmerte sich schon um den Text … auch ich beginne erst jetzt, zu begreifen, um was es eigentlich geht und warum Fabrizio de Andre es den “Kindern des Mondes” gewidmet hat! Und erst jetzt verstehe ich, warum ich oft  weinen musste, wenn ich es gehört habe.

Einer, dem es wohl auch unter die Haut gegangen ist, war Sigi Maron, der österreichische Liedermacher, der mit seiner Anarchie und EigenArt auf der Beliebtheitsskala der Angepassten ziemlich weit unten gehalten wurde und zeitweise sogar im Radio gesperrt , weil er zu sperrig und wütend über die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten war. Ich glaube, er ist Fabrizio de Andre sehr nahe gekommen mit seiner Art, das Lied auf Österreichisch umzuverdichten.

Leider ist der wunderbare Sigi Maron vor vier Jahren gestorben. Und vor einem Jahr ungefähr wollten ihm ein paar Musiker nochmal eine Ehre erweisen und es gab einen Tributabend für Sigi Maron im Wiener Stadtsaal. Daß der Nino von Wien, Ernst Molden und  Robert Rotifer hochkarätige und grandiose  Musiker sind, wusste ich natürlich, aber was mein Herz zum Überlaufen bringt vor Freude das ist diese große Zärtlichkeit, mit der ein jeder von ihnen sich dem Werk von Sigi Maron und letztendlich auch von Fabrizio de Andre nähert. Ein jeder von ihnen ist unverwechselbar er selbst … Nino Mandl liest: “es gibt kaan Gott”, es ist sein Text und trotzdem ist klar, daß die Poesie von Sigi Maron kommt! Und dann das Lied , dieses kleine große Lied über den “Andreas”, der sich verrennt hat …und sehe, wie er die Veilchen und die schwarzen Locken in den Brunnen wirft und dann … langsam … sich selbst hineinfallen läßt … ganz leise werd ich da, höre zu und sehe sie alle auf dieser Bühne, auch die zwei, die schon gegangen sind.

Andrea s’é perso … Andreas hot se varrennt