Archiv für den Tag: 2. Januar 2020

Das Feenspiel – 10. Rauhnacht

Sieh mich an, meine Augen sind dunkel.
Sehr alt bin ich und doch jeden Tag jung.
Von tiefstem Grün ist mein Mantel,
eine mächtige Nachtkerze mein Stab.
Ich trag Zweige im Haar: Rosmarin, Salbei, Thymian, Lorbeer, Lavendel …
In meinem Beutel sind Samen: Akelei, Nigella, Ringelblume, Mohn, Karde …
und ein winziges silbernes Ei.
Nenne mich Yemayerba: Dotter und Gras.
Ich ruhe nie, bin allwach. Ich folge der Spur des Lebens.

Wo ist das Leben?

In der Dunkelheit, in der Einsamkeit, in den Abschieden, in den Tränen.
Im Unabgegoltenen. In den Verletzungen, die nicht heilen.
In den unauflösbaren Widersprüchen.
In der Zärtlichkeit, in den Augen-Blicken, in den arglosen Gesten.
In den Ritzen, den Fugen, in allen Zwischenräumen und Gängen, Übergängen.
In den Transitzonen, in den Wartesälen, auf den Bahnhöfen. Im Flüchtigen.
Im Fragment. Im Auftakt. Im Potential. In der Fügung des lächelnden Kairos.
In den Wurzeln, in den Knospen, im Sprießen, im Welken. Das Leben
ist in der Liebe, ist dort, wo du es siehst, wo du es gestattest, wo du ihm Raum gibst, es nährst …

Liebe Schwestern, lasst mich mitschwingen im Reigen!
Ein Geschenk hab ich für Euch, ein kleines Lied:

Wünschelstunde

Es treffen sich Dreizehn zur Wünschelstunde
im Krötengarten am Zauberteich.
Sie heben die Flüsterkelche zum Munde,
über’s Wolkenmeer schwebt die Mondin so weich

und lauscht hinunter zum nächtlichen Garten,
wirft silberne Netze über den Teich.
Da wollen die Dreizehn nicht länger warten:
Sie tauchen ins Mondenwasser sogleich

und schwimmen im Licht. Die Nachtkerzen blühen,
sehen wispernd den dreizehn Schwestern zu.
Auch Mariensternblümchen erwachen und glühen,
sie recken sich murmelnd, und hin ist die Ruh’!

Es raunt und staunt, es rauscht der Teich,
es bauscht und bogt und kichert leise,
es regt sich traumwach das Pflanzenreich,
selbst die Gräser singen auf ihre Weise.

Da entsteigen die Dreizehn dem Silberteich
und trinken die Kelche leer, ganz stumm.
Die Mondin schläft ein und die Blumen zugleich,
und die Wunschwunderstunde ist um.

 

Gastbeitrag: Die 10. Fee »Yemayerba«