#15 Und irgendwann bleib i dann dort

Meistens fahren wir beim Heimkommen auf sie zu. Gestern fuhren wir aus den Bergen wieder heraus, als der Film aus war. Mein Geburtstagsgeschenk, zwei Kinokarten, lösten wir ein auf die denkbar angenehmste Weise: ein bis ins Detail liebevoll gemachter Film  („Griechenland“) , viel blaues Meer, das eine Insel umspült, wunderbare SchauspielerInnen, denen man die Spielfreude ansieht und diese immer leicht melancholische griechische Musik … ein Genuß! Sommer, Sonne, Meer – ein leichtes griechisches Märchen über einen verlorenen Sohn, der erst beim Tod des unbekannten Vaters auf Umwegen entdeckt, wer er wirklich ist. Auch eine Boulevardkomödie ist nur dann gut, wenn sie gut gemacht ist, hier ist es der österreichischen Crew gelungen! Am Schönsten ist, schon im Nachspann, der Auftritt des Gert Steinbäcker, das ist zum Herz überlaufen.

Das kleine Kino, das Ergebnis einer äußerst sinnvoll genutzten Auszeit in der Pandemie, wurde liebevoll umgebaut und ist auch ohne Film schon ein Ort der Verzauberung. Roter Samtvorhang, bequeme Bestuhlung, ein wenig Plüsch, viele alte Filmplakate und vor allem die freundliche Anwesenheit der Besitzer. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal eine persönliche Platzanweisung erlebt habe. Es ist immer wieder ganz erstaunlich, wie man sich an einem Ort willkommen fühlen kann, wenn man von freundlich lächelnden Menschen empfangen wird. Ich werde sicher noch ganz oft die 25 km nach Bad Reichenhall fahren, um im Parkkino mal für paar Stunden den Alltag zu vergessen und ins Land der Träume einzutauchen..

Nicht weit weg, in Großgmain hat Ilse Aichinger mit ihrem Mann Günter Eich und ihren Kindern ca. 20 Jahre gelebt. Immer, wenn ich im Kino sitze, denke ich an sie und daß sie sich jahrelang in Wien die immer gleichen Filme angeschaut hat. Ihr Kino gibt es heute nicht mehr und Ilse Aichinger auch nicht.

Die Berge umstehen diesen Kessel mit der uralten Salzstadt und gestern zeigten sie keineswegs ihr Tourismus freundliches Gesicht. Regengrau und von wabernden Wolken umdampft standen sie da, diese riesigen Steinbrocken, bedrohlich und abweisend. Das mag ich gerne, ich mag auch dieses Waschküchenwetter, den Geruch nach Schwammerln und den modernden Hinweis auf den Herbst, denn der Sommer ist ja nur eine Illusion, ein Traum von einer heilen Welt und ich bin froh, wenn dieser Sommer nicht das tut, was er soll, nämlich ständig zu zeigen, wie schön doch unser Bayernland ist. Denn dieses Land ist auch nicht schöner wie alle anderen Bundesländer und auch die Berge sind nicht schön, sondern sie sind, was sie sind und mir sind sie halt Heimat. Das bairische Deutsch mit seinen unzähligen Nuancen ist auch nicht schöner als andere Regionalsprachen, sondern ist längst auch dem Untergang geweiht wie alle übrigen Dialektformen. Alles läuft auf die Einheitssprache des Schriftdeutschen zu, das vereinfacht und leicht zu handhaben ist, weil man es so spricht, wie man es schreibt.

Ich kann es nicht mehr hören, dieses Gelabere über  „unser schönes Land“ … es wird mir schlecht, wenn ich sehe, was grad vor paar Tagen in einer Ortschaft am Chiemsee passiert ist bei einer Wahlveranstaltung von den Grünen, wo die armen Bauern mit ihren riesigen Treckern vorgefahren sind und sich in gewalttätiger Weise am grünen Landwirtschaftsminister  für das rächen wollten, was in all den Jahren die stets immer wieder gewählte Volkspartei zu feig war, auszusprechen. Das ist alles ein ganz großer Saustall und treibt, mit Hilfe von MarktschreierInnen mit Kulturanspruch in unüberhörbar rechtsradikales Gelände  und sie merken wieder nicht, daß sie vor den nächsten Karren gespannt werden.

Mit all denen, die sich aufführen, daß es nur noch zum Grausen ist, bilde ich sicher kein „Wir“ oder „Uns“, sondern ich schäme mich einfach nur noch.

Manchmal erinnert mich alles an die Zeit, als „Die Republikaner“ auftauchten mit dem charismatischen Heilsverkünder Schönhuber, der so entwaffnend „ehrlich“ zugab: Ich war dabei. Dieses unsägliche Machwerk landete tatsächlich auch auf unserem Stubentisch, weil ihm mein Vater kurzzeitig fast ins Netz gegangen wäre. Aber es dauerte nicht lang, dann hatte er die primitive Show durchschaut und bald waren die REP. wieder verschwunden, aber gegen das, was jetzt sein Unwesen treibt, waren die wahrscheinlich noch relativ harmlos.

Was gibts sonst noch? Kater Herbert frißt Tag und Nacht und wird immer dünner und weniger. Eine Blutuntersuchung ergab eine Schilddrüsenüberfunktion, jetzt muß er zweimal täglich Tropfen nehmen, d.h. ich muß sie ihm mittels Spritze ins Maul befördern. Die Tropfen scheinen ihm zu schmecken, die Aktion mag er weniger. Auf die Aussage, man möchte sich keine Tiere anschaffen, weil die dann krank werden und sterben, pflege ich zu sagen, daß man sich dann ja auch auf keinen Fall einen Menschen anschaffen sollte, denn da hat man’s über kurz oder lang auch mit Krankheit und Tod zu tun!

Ein Regenbogen spannt sich über den Himmel, das eine Ende fließt an einer Stelle hinein in den Högel und taucht die Bergkuppe in schillerndes Farbenspiel. Da liegt jetzt dieser riesige Schatz verborgen, wenn ich es schaffe, schnell genug hinzusausen, dann grabe ich ihn aus.

Aber wahrscheinlicher ist, daß ich anschließend beim Einkaufen eine große Packung „Mirácoli“ kaufe, werde sie selber kochen, weil wir uns nicht mehr, wie früher, dazu einladen. Schade eigentlich, denn wer bräuchte nicht dringend hin und wieder mal ein Wunder?

 

Und da gehts zur Tarte-Wunder-Bäckerin

8 Gedanken zu „#15 Und irgendwann bleib i dann dort

  1. Man merkt Dir Deinen Zorn an über die Entwicklungen auf Abgründe zu, auf die wir nicht zusteuern müssten. Schliesslich leben ausgerechnet wir hier in unserem Land vergleichsweise in einem Paradies. Ich teile Deinen Zorn.
    Zum Glück gibts zwischendurch aber noch einen kleinen Reissaus in ein schönes Kino. Ich habe auf arte einige Filme Jarmusch gesehen. Hier sterben die Kinos.

    Schöne Grüsse
    Robert

  2. Danke, lieber Robert, für Deine freundlichen Worte! Hier sterben die Kinos auch, aber seit gestern ist mir wieder klar, warum. Die meisten Kinos, die ich kenne, sind unpersönliche und keineswegs einladende Orte … ganz davon abgesehen, daß fast nur noch Blockbuster laufen – gewaltverherrlichender Einheitsbrei oder was es halt so gibt zum Leuteverdummen! Und daß es sich auszahlt, einen schönen Ort zu schaffen, sieht man daran, daß man sich um Karten bemühen muß, weil ständig ausverkauft ist. Das ist das Gleiche wie mit dem Wirtshaussterben und den Buchhandlungen … dort, wo gut gekocht wird und es schön ist und man sich willkommen fühlt, da fährt man gerne auch etwas weitere Strecken immer wieder hin.
    Ja, auf Arte laufen grad Jarmuschfilme, leider ist „Ghost Dog“ nicht dabei , aber ein anderer Lieblingsfilm von mir: „Dead Man“!
    Ganz liebe Grüße zu Dir!

  3. Gar Vieles ist nicht mehr wie früher – oder geht den Bach runter!
    Du schreibst, liebe Gretl, du schreibst so anders und nennst den Bart beim Propheten oder wie das heißt, vielleicht hast du ja auch eine Katze aufm Buckel oder ein langes Fetzgewand an…Einen schrägen, heiseren Jodler schickt Sonja

    1. Ja, da liegst Du gar nicht so falsch, liebe Sonja … wahrscheinlich bin ich eine alte Hex …unser Kater der rote Willie, sitzt am liebsten auf meiner Schulter! Und schräge heisere Jodler mag ich saugern!

  4. es scheint, als wiederholten sich manche ereignisse, z.b. das erstarken der rechten. schlimm ist für mich, dass durch moderne medien eine schnellere verteilung der thesen stattfindet und leider viele menschen sich auch dank dieser medien das eigene denken abtrainiert haben. es fehlen denkpausen, für mitmenschen wie für politiker/-innen. was passiert, wenn wie einfach mal alle pause machen? zum glück gibt es ja filme und bücher und menschen, die uns guttun und uns helfen, fortzufahren mit widerstand und mut.

  5. Schön ist das, den Spuren zu folgen, die du durch diesen Montag (und nicht nur durch den) ziehst. Und ich erinnere mich an damals, ist ewig her, als ich von der anderen, der österreichischen Seite hinüber nach Bayern gefahren bin. Von Salzburg nach Bad Reichenhall. Um Zigaretten zu kaufen und in einem Lokal, das irgendwas mit Seefahrt (???) zu tun hatte, was zu essen. Es ist sicher nur eine Kleinigkeit gewesen, denn wir waren ja noch Studenten und hatten wenig Geld, aber ich bin mir ganz schön großartig vorgekommen. Immerhin: Ausland!

    Liebe Grüße, Andrea

    1. Vielen Dank, liebe Andrea, das freut mich sehr, daß Du durch meinen Text zum Erinnern gekommen bist! Wir könnten uns da sicher viel erzählen über das Drent und Herent… ich bin ja nur 30 km von Salzburg entfernt und es ist noch gar nicht lange her, daß wir zu Salzburg gehörten, aber durch die Grenze wurden wir zu gegenseitigem Ausland…
      Ganz liebe Grüße!

  6. Seufz. Die Lage ist beschiessen. Idyll auf Abruf. Einerseits sind protestierende Bauern gerade die Monsantofritzen, die auf Glyphosat schwören, weil ihnen sonst ein paar Feldmäuse die „ganze“ Ernte vom Halm fressen.
    Zuendedenken war nie Sache des „Betreuers der Furche“.
    Und da steh ich ganz auf der anderen Seite.
    Andererseits sind die Bauern aber auch nicht dumm genug, das Märchen von der Weltrettung zu glauben, das ihnen da so „grün“ hineingewürgt wird, wenn gleichzeitig ALLE Parteien an Mercosur drechseln – jenem TTIP mit Lateinamerika, was bedeuten würde: Noch mehr Rindfleisch von dort für die EU , damit hier weniger Rinder in die Atmosphäre pupsen. Wenn die dort mehr Weiden brauchen, dann weiß man doch sofort, wo sie den Platz dafür hernehmen. (Selbstverständlich schreiben wir da noch ein paar Floskeln in den Vertrag, dass es schön wär, wenn von dem Regenwald noch was stehen bliebe, Umweltbewusstsein Baby! Aber das Rindfleisch, also das wär schon wichtig…)
    Ja, die Lage ist beschissen.
    Da liegt der Gordische Knoten vor uns – und niemand zückt ein Schwert.

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