#11 Sag mir ein Wort

Wo ich auch hinkomme, begrüßen sich die Menschen mit „Hallo“. Auch vorhin beim Optiker ein Kommen und Gehen und die meisten sagen Hallo, nur ganz wenige, oft bin ich die einzige, sagen Grüß Gott. Es scheint völlig aus der Mode zu sein, in dem, was vom bairischen Deutsch noch übrig ist, Gott zu erwähnen, zumindest was die Grußformen anbelangt. Wenn was Schlimmes passiert, sagt man: Um Gottes- oder Himmelswillen, oder Gott sei Dank oder Gottlob, wenn das Schlimme abgewendet wurde. Und wenn es schwierig wird: oh Gott oh Gott. Früher sagten wir Helf Dir Gott, wenn einer geniest hat und die Antwort war: Dank dir Gott und anstatt Danke sagten wir Vergelts Gott, und die Antwort war: Segne´s Gott! Wir sagen noch: Ach du lieber Gott, wenn es auf der Straße des Lebens unwegsam und gefährlich wird, aber in der Grußformel an den Mitmenschen, da wollen wir so reden, wie alle reden und weil so ziemlich alle wie alle reden wollen, deshalb reden halt auch alle so wie alle. Und da entsteht dann so ein Brimborium von Wörtern, die alles für alle bedeuten und einfach genug sind, daß alles von allen ausgedrückt werden kann und die alles bedeuten und daher also nichts. „Gucken, lecker, mega, unfaßbar, Boomer,“ … die Serie kann fortgesetzt werden … gehören für mich an erste Stelle der Unwörter, aber vor allem dieses „Hallo“, das ja beim Telefonieren seine Berechtigung hat, doch ich möchte nicht damit begrüßt werden, gestehe aber, daß ich auch aufpassen muß, nicht in diese Hallo –  Falle zu geraten.

Es gibt im bairischen Deutsch, in der Sprache der Alpenländer – und ich bin sicher, überall, wo es eine Mundart gibt, ist das genauso – eine Vielfalt an Grußformeln:

Griaßgod … Grüß Gott
Griaßdigod , sagt man zu Menschen, die man mag…Grüß Dich Gott
Griaßeahnagod … Grüß Sie Gott

Pfiagod … Pfüat Gott … Behüt Gott (Auf Wiedersehen)
Pfiatigod … Behüt Dich Gott
abgekürzt sagt man Griaßdi und Pfiati

und das ist nur ein kleiner Ausflug in  die Sprache, die in diesem Banalwort Hallo traurig verkümmert. „Was – Sie grüßen Gott!!!“  – hat mir mal einer angewidert entgegen geschleudert. Ja, auch ich, eine alte, suchende Agnostikerin, grüße gerne Gott im anderen Menschen, ich grüße das Heilige in ihm.

Aber ich vermute, die meisten denken gar nicht über die Wirkung eines Grußes nach, denn wenn ich so auf der Hausbank sitze und die Leute grüße, die vorbeiradeln, grüßen die wenigsten zurück. Vorgestern  sagte ein junger Kerl „Servus“ und gestern rief ein älterer Mann mir zu: „Habadehri“, das heißt: „Habe die Ehre“ und hat mich sehr gefreut. Das Grüßen ist eine magische Praktik und gehört wie das Wünschen zu den alten Kräften.

Als ich heute aus dem Optikerladen heraustrete, fühle ich mich, als würde ich in das Backrohr bei 250 Grad Umluft kriechen.

Heißer Wüstenwind weht über die vertrocknete Erde. Mir fällt plötzlich dieser Ort ein, irgendwo in Istrien, wir sind geflüchtet vor den Menschenmassen am Strand, einen steinigen Pfad ins Nirgendwo, an Bunkeranlagen vorbei, hinauf durch einen Wald, oben eine Klippe, ausgetretene Steinstufen zu einer kleinen Kapelle. Die Tür steht offen, wilder Rosmarin und Thymian wachsen an der Schwelle. Drinnen gleitet halbdunkle Kühle über meinen erhitzten Leib. Ich setze mich ins Gestühl, vor mir kniet auf einer Altarstufe, die Hände gefaltet vor der Brust, eine dunkle Gestalt, eine alte Frau im schwarzen Kleid. Ich bin vorsichtig und leise, um sie nicht im Gebet zu stören. Ich schließe die Augen und verliere sofort den Bezug zum Irdischen, ich lasse mich los und fliege mit den Gestirnen durch Zeiten und Räume…

Als ich aus dem Zeitlosen wieder zurückkomme und die Augen öffne, kniet die Frau immer noch vor mir. Ich gehe zu ihr und berühre sie vorsichtig an der Schulter. Kühl und hart, sie ist aus Holz, ein bemaltes Gesicht, dunkle Augen sehen in die Ferne …

Vorhin hätte es beinahe geregnet. Drei Tropfen auf meinem Handrücken. Ich lecke sie ab, wie Salzkristalle schmecken sie.

Sag mir ein Wort, und ich stampfe
dir aus dem Zement eine Blume heraus…
Christine Lavant

und die Kraulquappe hat bestimmt auch schon hier was geschrieben!

10 Gedanken zu „#11 Sag mir ein Wort

  1. Wie wahr! Ich bin auch oft die einzige, die grüß Gott und ade sagt … der schöne schwäbische Abschiedsgruß, der anscheinend vom französischen a dieu – mit Gott kommt.

  2. Grüß Gott sage ich oft in NRW und werde dann meist merkwürdig angeschaut, wobei ich das aus Österreich und Bayern kenne.
    Früher beim Skifahren in Österreich habe ich in den Geschäften Grüß Gott gesagt und die Leute dort guten Tag.
    Aber grundsätzlich fehlt es vielen Leuten heute an Manieren und Worten, wo es eher um Abkürzungen und Grinsegesichter beim “ Smart“ Telefon geht…

  3. liebe frau graugans, vielmals dank ich dir für diesen beitrag – was ein gruß wert ist …
    … darüber sinniere ich auch oft, seit ich umgezogen bin ins allgäu, zurück in den dialekt meiner kindheit, der hier noch lebt, aber (so empfinde ich jedenfalls) doch geschwächt …
    das glatte, kühle, seelenlose einheits-„hallo“ ist hier auch auf dem vormarsch. (mir entschlüpft aber meist das alte „griassgodd“ oder, wenn ich nicht aufpass, weil ich mich besonders freue, jemanden zu sehen, sogar ein „griassgoddle“ – die verkleinerung steigert paradoxerweise die intensität …).
    schön ist jedoch, dass die meisten menschen hier, (auch kinder und jugendliche …) grüßen auf der straße – egal, ob man sich kennt oder sich noch gar nie begegnet ist – mitmensch, du bist mir einen gruß wert, einfach nur, weil du grad da bist …

    und jetzt: a guads näächdle fei❣️

  4. Ja, ich werd oft belächelt, wenn ich „Grüß Gott“ sage oder griaßdi. Dieses banale Hallo ist mir zuwider (Samma vielleicht am Telefon?). Ein Herr sagte zu mir: „ich werd’s ihm ausrichten, wenn ich ihn treffe.“ Antwort: Keiner weiß, wann das sein wird….
    Pfiati, Freundin und griaß eich, alle, welche sich auf die Beiträge der Frau Graugans freuen!

  5. Ein wunderbarer Text. Hach.

    Hier oben im Norden setzt sich gleich noch „Hi“ durch. Erst verschwindet „das Deutsche“ und dann der Rest des Regionalen“. Der Lauf der Welt. In dem Wahn, alles anzuhimmeln, was von außen kommt, und alles geringzuschätzen, was von irgendwelchen Vorvätern stammt, (bei euch im Westen wird das ja alles schnell in die Nazitonne gekloppt.) ist das, was du da schreibst, die traurige Konsequenz.

    Wenn ich zur Untersuchung in unsere Ambulanz muss, dann zieh ich neuerdings an so einem Blechkasten eine Nummer, wie ein Bittsteller auf dem Arbeitsamt.

    Zur Zeit höre ich Reinhard Meys „Einhandsegler“ Album rauf und runter. Dem gehts wie mir!

    Bei ihm in der Kindheit war immer, wenn die Gesundheit wankte „Dr.Berenthal“ zur Stelle, auch auf Hausbesuch. Bei mir auch! Damals. Und heute?

    2 Stunden Wartezimmer, 3 Minuten Sprechzimmer. Der „Doc“ starrt mehr auf seinen Monitor als auf dich. Rezept. Der Nächste.

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